Schlagwort-Archiv: Coaching; Kreativität

Die Qual der Methodenwahl

Wer moderiert, kreative Prozesse steuert oder sonst wie partizipativ mit Gruppen arbeitet, dem stehen unzählige Methoden und Techniken zur Verfügung. Wie findet man die richtige?

Ein Besuch in der Buchhandlung des Vertrauens, eine kurze Recherche auf Google oder ein Gespräch unter Kolleg_innen beweist es immer wieder aufs Neue: Es existieren viel mehr Methoden, als ein/e einzelne/r kennen, geschweige denn einsetzen kann. Als Antwort auf diesen Berg an Möglichkeiten lockt der einfache Weg, nur auf Altbewährtes zu setzen und die Hände von allem Neuen zu lassen.

Oder aber, wir klären erst genau ab, was wir brauchen und welchen Rahmen wir bespielen, und entscheiden uns dann für die richtige Methode. Hier ein paar Tipps, wie Sie aus dem Dschungel herausfinden. Die erste Frage, die Sie sich stellen sollten ist folgende:

  • Was will ich? Oder: Was soll nach der Veranstaltung anders sein? Sollen alle Teilnehmer/innen zu Wort gekommen sein? Soll eine Entscheidung getroffen worden sein? Oder sollen möglichst viele Ideen am Tisch liegen?

Widmen Sie dieser Frage die nötige Zeit und schummeln Sie sich nicht vorbei. Erst wenn Sie wissen, wohin Sie und die Teilnehmer/innen wollen, können Sie überlegen, welche Methode Sie unterstützt, Ihr Ziel zu erreichen.

Bei kreativen Prozessen hilft zusätzlich die Unterscheidung in zwei Denkrichtungen, in die sich die meisten Techniken einteilen lassen.

Divergierendes Denken: Hier geht es darum, gedanklich aufzumachen, breit oder out oft the box zu denken. Der Klassiker Brainstorming gehört hier hinein, aber auch zum Beispiel die Kopfstandmethode, Imaginäres Brainstorming oder 6-3-5. Das Ziel ist, viele Ideen zu generieren und ungewöhnliche Ansätze zuzulassen. Es gilt in diesem Stadium, mutig zu sein, und Ideen (noch) nicht zu bewerten. Quantität vor Qualität.

Konvergierendes Denken: Hier werden Ideen geclustert, reduziert, bewertet, gegeneinander abgewogen und auf ihre Brauchbarkeit abgeklopft. Am Ende benötigen wir nie 100 Ideen, sondern nur die eine (beste) Lösung. In diese Phase gehören zum Beispiel E. de Bonos PMI-Technik und sämtliche Bewertungsmethoden.

Oft folgen diese beiden Phasen zeitlich aufeinander, aber das muss nicht so sein, wenn zum Beispiel ein Team zusammenkommt, um nur eine oder mehrere Ideen zu bewerten.

Wenn das nächste Mal die Verzweiflung die Begeisterung über die Vielfalt an Methoden ablöst oder wenn Sie sich gezielt auf die Suche nach der richtigen Technik machen wollen, dann klären Sie mit Hilfe der obigen Fragen, wofür sie diese brauchen.

Und hier sind noch ein paar weitere Fragen, die Ihnen helfen, den Rahmen für Methoden einzugrenzen:

  • Wie viele Personen nehmen teil? Drei oder vier, sodass man noch leicht um einen Tisch sitzen und ungezwungen plaudern kann? Unter zwölf, so dass die Person am Flipchart noch eine Chance hat, alle Ideen aufzuschreiben? Oder deutlich mehr, sodass sich die Arbeit in Kleingruppen geradezu aufdrängt?
  • Wie stehen die Teilnehmer/innen zueinander? Verhindern Hierarchien oder Grabenkämpfe, dass sich alle trauen, den Mund aufzumachen? Wenn ja, ist vielleicht eine anonyme Technik, etwa eine Form des Brainwritings das Richtige.
  • Wie viel Zeit habe ich? Eine Stunde, drei Stunden oder einen Tag? Versuchen Sie nicht eine komplexe Technik, die aus mehreren Schritten besteht und vielleicht im Vorfeld einiges an Erklärungszeit benötigt, in allzu kurze Zeit durchzupeitschen.
  • Wie viel Platz habe ich? Kann ich überhaupt Kleingruppen bilden, die sich aus dem Weg gehen sollen und ausreichen Rückzugsraum benötigen?

Wenn Sie mehr über die Methoden oder die Arbeit mit Gruppen erfahren möchten, dann kommen Sie doch in unser Seminar für Kreativitätstechniken „Ideenlos, Ideen, los!“ oder in unser Moderationsseminar „Mit Moderation zum Ziel“.

Eine unserer Prämissen bei der Moderation lautet übrigens, dass die Haltung noch wichtiger ist als die einzelne Methode. Wir haben dazu auch einmal einen eigenen Blogbeitrag geschrieben.

Stellt mehr Fragen!

Goethes Gretchen und die Sphinx tun es, Hamlet und Handke, Kinder und Kant, Sokrates und Journalisten, Narren wie Rebellen: Fragen stellen und hinterfragen. Wir sollten es ihnen nachmachen.

„Eine richtige Frage stellte ich mir vor als Geschenk!“
Peter Handke, Spiel vom Fragen

Haben Sie schon einmal über Fragen nachgedacht? Sie sind ein selbstverständlicher Teil der Sprache, und deshalb hinterfragen wir selten, was wir da tun. Dabei können Fragen viel mehr als „nur“ Wissen in Erfahrung zu bringen. Sie beziehen Zuhörer/innen oder Leser/innen ein. Sie helfen Coaching-Kund/inn/en auf die Sprünge. Sie zwingen Briefing-Geber/innen zu genaueren Angaben und Selbstreflexion. Sie fungieren als Türöffner oder um genauer nachzuforschen. Sie können provozieren und aufdecken.

Welche Fragen gibt es?

Wir kennen viele unterschiedliche Arten von Fragen. Für Journalist/inn/en sind zum Beispiel die Fragen nach den sechs Ws (Wer, was, wann, wo, wie und warum) ein wichtiges Handwerkszeug und Interviewer/innen setzen personen-, sach- und meinungszentrierte Fragen ein. Menschen in therapeutischen oder beratenden Berufen haben es etwa mit skalierenden, zirkulären oder reflexiven Fragen zu tun. Und es gibt noch viel mehr: absurde, berechtigte, drängende, einfache, knifflige, peinliche, persönliche, unbequeme, entscheidende …
Eines haben sie fast alle gemeinsam. Sie helfen – wenn sie nicht versteckte Antworten sind – aufzumachen und Räume zu schaffen, während Antworten eher schließen und beenden. Deshalb haben Antworten tendenziell auch etwas Starres. Antworten schränken eher ein, Fragen machen auf. „Hin und wieder ist es sinnvoll, ein Fragzeichen hinter Dinge zu setzen, die wir schon lange für selbstverständlich nehmen“, riet der Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell. Wer nach Veränderung trachtet, stellt Fragen. Wer einzementieren möchte, gibt ausschließlich Antworten.

Was ist eine gute Frage?

Aber was macht eine gute Frage aus? Das hängt natürlich von der Situation ab, aber mit Sicherheit ist es eine, die wertschätzend formuliert ist. Eine, die nicht drängt, die Zeit lässt, die nicht nur eine Antwort zulässt. Deshalb sind offene Fragen auch viel interessanter als geschlossene Fragen. Wenn der NS-Propagandaminister Goebbels fragt „Wollt ihr den totalen Krieg?“, so ist das keine offene Frage, es ist eine rhetorische Frage und in der Situation auch keine, die mehrere Antworten erlaubt oder zur Reflexion anregt.

Für den Kommunikationswissenschaftler Neil Postman waren Fragen das wichtigste Denkwerkzeug des Menschen überhaupt. Wir können das aus unserer langjährigen Arbeit mit den unterschiedlichsten Formen der Kommunikation nur bestätigen: Ob schriftlich oder mündlich, ob im Kontakt mit einzelnen Menschen oder mit Gruppen, ob es um neue Ideen oder gute Gespräche geht, Fragen helfen weiter. Wenn irgendwo keine Fragen gestellt werden (dürfen), ist das höchst fragwürdig.

Also: Stellen Sie Fragen! Fragen Sie nach! Stellen Sie Selbstverständliches in Frage! Alles klar?

In allen unseren Seminar stellen Fragen eine wichtige Rolle.  Schauen Sie sich unser Angebot an, vielleicht ist etwas für Sie dabei.

Brainstorming – aber richtig!

brainstormingEnde der 30er-Jahre entwickelte der Werbefachmann Alex F. Osborn den so genannten „Gehirnsturm“,  und noch heute ist er auf Grund seiner Einfachheit die beliebteste Kreativtechnik. Die Methode hat ihre Grenzen, sie ist aber nicht so unwirksam wie immer wieder behauptet. Die meisten Kritiker/innen konstruieren ein falsches Bild von Brainstorming und geben es dann zum Abschuss frei. Ein typisches Beispiel ist dieser Artikel im Standard. Nach der Überschrift „Brainstorming macht kreativ? Irrtum!“ leitet der Text ein: „Zu dritt, zu viert, mit Zettel und Stift entstehen die besten Einfälle? Stimmt nicht, sagen die Wissenschafter.“ Bleibt zu hoffen, dass die zitierten Expertinnen und Experten sich besser damit auseinander gesetzt haben als die Redakteurin. Denn ein bisschen mehr als drei bis vier Leute, Zettel und Stift gehört zum echten Brainstorming schon dazu.

Weil das aber auch da draußen in den Firmen und Organisationen oft falsch gehandhabt wird, geben wir hier Antwort auf die Frage: Wie geht es also richtig?
Ein Team von vier bis maximal zwölf Personen sucht Ideen zu einem bestimmten Thema, die gut sichtbar notiert werden. Diese Ideenfindungsphase muss streng getrennt werden von einer Ideenbewertungsphase. Osborn selbst gibt in seinem Buch „How To Think Up“ (1942) vier Regeln an, die unbedingt einzuhalten sind:

  • Übe keine Kritik!
  • Je mehr Ideen, desto besser!
  • Ergänze und verbessere bereits vorhandene Ideen!
  • Je ungewöhnlicher die Idee, desto besser!

Ein paar Tipps darüber hinaus helfen ebenfalls:

  • Die Frage muss klar und einfach formuliert und für alle Beteiligten akzeptabel und gut sichtbar sein, am besten auf einem eigenen Flipchart.
  • Der Rahmen muss stimmen, Humor ist erlaubt oder sogar erwünscht.
  • Dass Kritik und Killerphrasen keine Chance bekommen, dafür ist die Moderation und im besten Fall die ganze Gruppe verantwortlich. Verweisen Sie vor Beginn der Suchphase noch einmal auf die Regeln.
  • Bei der Ideensuche gilt: Quantität vor Qualität. Auch seltsame Ideen werden aufgeschrieben, gerade sie führen über unkonventionelle Zugänge und schräge Perspektiven oft zu guten Ideen.
  • Durchtauchen Sie das Ideentief: Üblicherweise kommen am Beginn die gängigen Ideen, jene Dinge, die schon versucht wurden oder das, was ohnedies immer passiert. Nach einigen Minuten sind diese Ideen alle notiert und es tritt eine Pause ein. Die ersten TeilnehmerInnen werden bocken und schimpfen, dass es nichts bringt und dass sie es ohnedies schon immer gewusst hätten. Es ist nun Ihre Aufgabe als Moderator/in neu zu motivieren, noch ein volles Flipchart, zehn Minuten Weiterarbeit oder 15 weitere Ideen einzufordern. Ist das Ideentief einmal durchtaucht, winken als Belohnung auf der anderen Seite oft gute und brauchbare Ideen.

Im Anschluss clustern Sie die Ideen, reduzieren und – so das in der Kompetenz dieser Gruppe liegt – bewerten sie, zum Beispiel mittels Punkten. Schließlich bleiben einige wenige Ideen über, die Sie (mit anderen Methoden) weiterverfolgen.

Brainstorming ist eine einfach durchzuführende Methode, die sich eignet, wenn Sie viele verschiedene Ideen brauchen. Sie benötigt relativ wenig Moderationserfahrung und ruft kaum Widerstand hervor, weil die meisten damit vertraut sind. Idealerweise und wenn die Ideenfindung tatsächlich von der Ideenbewertung getrennt wird, regen sich die Teilnehmer/innen gegenseitig an und schwingen sich gemeinsam zu neuen Höhen auf.

Natürlich ist bei dieser Methode das Potential für revolutionäre Ideen begrenzt. Außerdem kann bei einer so offenen Methode wie Brainstorming die Gruppendynamik eine Rolle spielen, indem etwa nur Inputs von den üblichen Wortführerinnen und Wortführern kommen und die Schweiger wieder einmal tun, was sie am besten können: schweigen.

Mehr, viel mehr über Kreativität und Kreativitätstechniken erfahren Sie, wenn Sie an einem unserer Seminare teilnehmen. Für mehr Infos KLICKEN SIE HIER!

Merken

Merken

Merken

Ja, und …

480_neu_Ja, undRichtig „ja“ sagen ist schwierig. Dass wir oft „ja“ sagen, aber „nein“ meinen, zeigt eine kleine Übung, die wir oft mit unseren TeilnehmerInnen im Moderationsseminar machen. Dabei geht es darum, bedingungslos zu dem, was der Gesprächspartner vorschlägt, „ja“ zu sagen und dem noch etwas hinzuzufügen. Die Übung kommt aus dem Improvisationstheater, der Theaterform, die bedingungslos „ja“ zur aktuellen Situation sagt. Dieses Theater entsteht aus dem Moment und dem konstruktiven Zusammenspiel zwischen den SpielerInnen. Wer im Impro-Theater „ja, und“ sagt, meint: Ich nehme die Situation so an, wie du sie kreiert hast. Ein Beispiel: Eine Person betritt die Bühne und hebt den Arm. Sie denkt, sie stellt eine Malerin vor ihrem Bild dar. Jetzt kommt der zweite Spieler dazu und sagt: „Halt! Nicht schießen!“ – denn er hat in der Geste einen Speerwerfer gesehen. Die Ja-und-Regel anzuwenden würde nun bedeuten, dass die Spielerin einfach annimmt, was vom Gegenüber kommt und als Speerwerferin weitermacht, anstatt mit „Ja, aber ich bin doch eine Malerin und male grade ein Bild!“ zu kontern. Was das bringt? Es setzt die beiden AkteurInnen in Beziehung, sie einigen sich auf ein Grundmuster und bringen so die Handlung voran.

Was das in einem Moderationsseminar verloren hat? Ganz einfach: Als ModeratorInnen sind wir ständig mit Situationen konfrontiert, die vielleicht so nicht geplant waren. Der Scheinwerfer setzt aus, ein Redner spricht zu lang, der Beamer funktioniert nicht. Für das Publikum ist nichts schlimmer, als wenn nun eine lange Entschuldigung folgt und eine Erklärung, was jetzt an dieser Stelle eigentlich hätte sein sollen und warum das jetzt nicht geht, weil ja eigentlich … NEIN! Der Moderator sagt: „Ja! Und!“ Er oder sie sagt mit vollem Herzen „ja“ zur aktuellen Situation. Und dann kann er/sie darauf reagieren, etwas draufsetzen, etwas verändern.

Auch in Diskussionen kann es hilfreich sein, ein „Ja, und“ einmal ehrlich zu meinen, anstatt immer mit einem „Ja, aber“ zu kontern. Denn das „Aber“ killt das „Ja“. Weg ist es! Was bleibt ist: Blödsinn, das geht nicht! Wer in einer Diskussion „ja, und“ sagt, stimmt im ersten Schritt wirklich mit seinem Gegenüber überein: Ja. Ich erkenne deinen Standpunkt an. Ja, ich höre deinen Vorschlag. Ja, das ist deine Meinung.
Und dann kann ich etwas hinzufügen. Etwas, das den Vorschlag vielleicht ergänzt oder erweitert. Mein/e Gesprächspartner/in wird mir eher zuhören. Er/sie wird merken, dass er/sie wirklich gehört worden ist. Wenn ich es auch wirklich so meine.

Denn „ja“ und zu sagen, aber in Wirklichkeit „ja, aber“ und damit eigentlich „nein“ zu meinen, wird langfristig nicht erfolgreich sein. Wer das „Ja, und“ benützt, um andere zu manipulieren, wird die Gesprächsbasis dauerhaft schädigen. Und wer eigentlich „ja, aber“ meint, sollte am besten gleich höflich, ehrlich und freundlich „nein“ sagen.

Unlängst hat Magdalena Vachova vom Kurier über diese Methode einen kurzen Kommentar geschrieben und dabei auf WORT & WEISE Bezug genommen.

Wenn Sie an mehr solchen Tipps Interesse haben, besuchen Sie doch eines unserer Seminare.

Merken

Wider den Perfektheitswahn

ingotius II_mittelIn einem unserer letzten Newsletter griffen wir das Thema Perfektheitswahn mit diesem Cartoon auf. Die Unterüberschrift lautete: Perfektionismus kann zu gefährlichem Schlafmangel führen. Ein Freund wies uns dann in einer Antwortmail darauf hin, dass die Menschen, mit denen er zu tun habe, immer unverlässlicher würden, und dass ihre Arbeit immer weniger perfekt sei. Jeder denke mittlerweile, es sei ohnedies kein Problem, Fehler zu machen. Schuld an dieser Entwicklung hätten Coaches wie wir, die solche Botschaften verbreiteten.

Jedoch: Perfektion ist nicht Perfektionismus. Wir sagen nicht, dass Fehler egal sind. Nein. Fehler sind Fehler, man sieht sie, sie stören oft. Die Frage ist nur, wie ich mit ihnen umgehe! Sage ich: Es ist egal, wird schon passen, meine Arbeit wird auch mit Fehlern reichen? Dann gebe ich unserem geschätzten Leser Recht: Das führt nicht zu Qualität. Knüpfe ich an einen Fehler allerdings den Mut, aktiv zu werden und etwas zu verändern oder dran zu feilen, habe ich dazugelernt und kann daran wachsen.

Die zwei Seiten des Perfektionismus
In der Psychologie kennt man folgende Definitionen: einerseits das Streben nach Vollkommenheit, unter das hohe persönliche Standards und Organisiertheit fallen, andererseits die übertriebene Fehlervermeidung, die sich sogar krankhaft, etwa in Angstzuständen, äußern kann. Ignotius‘ Perfektionsmus fällt in die zweite Kategorie. Sein Perfektionismus ist gesundheitsschädlich und lässt ihn frieren. Mit etwas Pech wird er im Frühjahr nicht ausreichend Kraft haben, vielleicht sogar nicht über den Winter kommen. Warum? Er hat ein Bild davon, wie sein Ergebnis aussehen muss, das seinen eigenen, wahren Bedürfnissen nicht gerecht wird. Er darf erst schlafen, wenn ALLE Blätter zu einer Schlafstätte verarbeitet sind, nicht etwa dann, wenn der Blätterberg gemütlich, groß und warm genug für seinen Winterschlaf ist. Er hat ein vorgefertigtes, vielleicht von außen übernommenes Bild vom perfekten Blätterhaufen, nicht eines, das seinem ganz persönlichen, eigentlichen Bedürfnis entspricht. Sein Perfektionismus hat zu einem falschen Zielbild und somit nicht zu einem sinnvollen Arbeitsergebnis geführt – und das ist der Perfektionismus, vor dem es zu warnen gilt, dem man begegnen muss.

Diskurs der Machbarkeit
Unsere Gesellschaft wird bestimmt von einem Diskurs der Machbarkeit. Der perfekte Körper, die perfekte Beziehung, die perfekten Eltern, die perfekte Arbeit, die perfekte Geburt, die perfekte Gesundheit. Wir streben Perfektion an, überall. Und uns wird suggeriert, sie sei machbar. Mit Disziplin, Operationen, Kursen, die einem das Blaue vom Himmel versprechen, Wunderkügelchen, ausreichend Glauben an sich selbst – alles scheint schaffbar, machbar, wenn man nur wirklich will.

Ich habe nichts dagegen einzuwenden, ab und an mal etwas richtig perfekt hinkriegen zu wollen. Im Gegenteil. Es spornt einen an. Aber wirklich jeden Bereich perfektionieren zu wollen bedeutet, keine Luft mehr zu haben.
Perfekt heißt vollendet. Hier gibt es keinen Raum mehr. Keinen Freiraum. Zweckfreiheit. All das brauche ich aber. Und zwar um herauszufinden, wo ich hinwill, um mir ein Bild von meinem Ziel zu machen, um mein eigenes Bild der Zielerfüllung zu schaffen, nicht ein vorgefertigtes.

Erfüllbare und bedürfnisgerechte Ziele
Hilfreich ist daher nicht, auf selbstzerstörerische Art einem fixen Bild von etwas Perfektem nachzulaufen, sondern sich eigene Ziele so zu stecken, dass sie erfüllbar sind. Vielleicht ist die Anforderung ein bisschen kleiner – aber sie ist auch leichter zu erfüllen. Erweitern kann ich sie immer noch. Im Idealfall ist ein gutes Ziel eines, das ich mit meinen Bedürfnissen in Einklang bringen und mit meinen Fähigkeiten auch erreichen kann. Dann kann ich es vollenden – nicht in Perfektionismus, sondern in Perfektion.

Gute Nacht, Ignotius! Der Laubhaufen ist schon groß genug für einen erholsamen Winterschlaf! Hoffentlich hast du es noch rechtzeitig vor Kälteeinbruch geschafft!

Interesse an mehr solcher Tipps, dann passt für Sie vielleicht eines unserer Seminare oder ein Coaching.

Merken

Merken

Kreativität den Weg bereiten

kreatives-pensum2014 hat Mason Currey in seinem Buch „Für mein kreatives Pensum gehe ich unter die Dusche“ die Rituale und Gewohnheiten von rund 80 berühmten Künstlern zusammengetragen. Der Autor lässt Joyce, Eco, Fellini, Austen, Picasso, Tolstoi und viele mehr zu Wort kommen und erzählen, wie und wo sie am kreativsten sind. Wenn sich eines sagen lässt, dann das: Es gibt kein Patentrezept für Kreativität. Gut, es kommen erstaunlich oft Alkohol und Kaffee vor, aber das war es auch schon.

Marcel Proust arbeitete zum Beispiel am liebsten in der Nacht, für Günther Grass war das undenkbar und William Faulkner bevorzugte den frühen Morgen.

Stephen King schreibt jeden Tag, ausnahmslos, selbst an Geburts- und Feiertagen hämmert er in die Tasten, sein tägliches Minimum beträgt 2.000 Wörter. Jean-Paul Sartre ging es da deutlich relaxter an und Gertrude Stein reichte überhaupt eine halbe Stunde pro Tag.

Igor Strawinski konnte nur bei geschlossenem Fenster komponieren, Pjotr I. Tschaikowski, Sören Kierkegaard oder Ludwig van Beethoven schwörten dagegen auf ausgedehnte Spaziergänge, um ihre Kreativität in Schwung zu bringen. Friedrich Schiller sagt man nach, er hätte faulige Äpfel in einer Schublade seines Schreibtisches gelagert, weil ihn der Geruch des Verderbens anregte, und Edith Sitwell schrieb fast nur im Bett.

Sie sehen: So viele Menschen, so viele Zugänge zur Kreativität. Aber ganz bestimmt gibt es etwas, das auch Ihnen hilft, kreativ zu sein. Brauchen Sie eher wie Francis Bacon das Chaos oder wie Thomas Hobbes oder Twyla Tharp den exakten Ablauf und die Ordnung? Ist die Stille das Ihre oder die anregende Geräuschkulisse durch Musik oder einen laufenden Fernseher? Ist es die Energie des Morgens oder jene des Abends, die Ihnen bei ihrem Projekt hilft?

Was brauchen Sie, um kreativ zu sein? Wie muss Ihr idealer Arbeitsplatz aussehen? Was muss vorher passiert sein? (Aber Vorsicht vor Prokrastination! Müssen die Fenster wirklich geputzt sein, bevor sie mit der Arbeit beginnen können?) Was hilft Ihnen? Die Tasse Tee oder Kaffee, das offene Fenster, die Sicherheit, dass niemand sie stört, ein klärendes Gespräch?

Sie sind der Experte/die Expertin für sich, also hören Sie auf und in sich. Vielleicht kommt Ihnen ja auch bei der Lektüre von Mason Currey der eine oder andere Gedanke.

Literatur:
Mason Currey: „Für mein kreatives Pensum gehe ich unter die Dusche“, Zürich und Berlin: Kein & Aber 2014.

Mittlerweile gibt es einen Folgeband:
Mason Currey/Arno Frank: „Am kreativsten bin ich, wenn ich bügle“, Zürich und Berlin: Kein & Aber 2015.

Seminartipp:
Wenn Sie dieser Beitrag interessiert hat, dann sind Sie auch in unserem Seminar für Kreativitätstechniken „Ideenlos? Ideen, los!“ richtig.

Merken

Newsletter abonnieren