Partizipation

pyramide_partizipationPartizipation – alle reden davon und jeder meint etwas anderes

Ein Unternehmen möchte die interne Kultur verbessern und startet den Prozess mit einer MitarbeiterInnenversammlung. Eine Organisation legt Fragebögen auf, um eine Veranstaltung zu evaluieren. Eine Bürgerinitiative fordert Mitsprache bei einem Straßenprojekt.

Was haben diese drei Beispiele gemeinsam? Der Titel verrät es bereits, in allen drei Fällen geht es um Partizipation. Und sie zeigen: Partizipation ist ein weites Feld. Die lateinischen Herkunftswörter pars (Teil) und capere (fangen, ergreifen, nehmen) führen zu einem Begriff, unter dem alles Mögliche verstanden wird, immer geht es aber um eine Form der Einflussnahme, der Mitbestimmung und der Teilhabe.

In unseren Seminaren und Beratungen rund um Themen wie Moderation, Kreativität und Kommunikation ist Partizipation ein zentrales Thema, zu dem viele Fragen auftauchen: Wann beginnt Partizipation? Wieviel Partizipation ist möglich oder erwünscht? Mit welchen Methoden binde ich meine MitarbeiterInnen bestmöglich ein?

Die Partizipationspyramide
Gaby Straßburger und Judith Rieger stellen in ihrem Buch „Partizipation kompakt“ die verschiedenen Grade der Partizipation sehr anschaulich als Pyramide dar. Das Modell ist von zwei Seiten zu lesen, von der „institutionell-professionellen Perspektive“ (etwa einer Gemeinde) und von der Perspektive der BürgerInnen (bzw. anderer Partizipierenden) aus. Die drei Reihen an der Basis (rot) nennen sie „Vorstufen der Partizipation“, weil der Grad der Einflussnahme noch sehr gering ist: Ganz unten geht es lediglich um Information, darüber werden die Meinungen eingeholt und auf Stufe drei wird immerhin die Lebensweltexpertise der Betroffenen erfragt.

Darüber folgen drei Stufen echter Partizipation (orange): Es wird schon abgestimmt, etwas höher sogar Entscheidungskompetenz abgegeben und schließlich auf Stufe sechs die Entscheidungsmacht völlig übertragen. Die Fachkräfte unterstützen und begleiten in diesem Fall nur mehr.

Die Spitze schließlich ist zivilgesellschaftlichen Eigenaktivitäten vorenthalten. All das also, was BürgerInnen, MitarbeiterInnen oder andere Betroffene gemeinschaftlich organisieren und eigenständig verwirklichen. Deshalb ist die gelbe Spitze auch nur halb, weil hier nur mehr die Perspektive der BürgerInnen (MitarbeiterInnen etc.) eine Rolle spielt. Die institutionell-professionelle AkteurInnen-Perspektive endet mit Stufe sechs.

Missverständnisse vermeiden
Es ist nur ein Modell, das Möglichkeiten abbildet, es geht nicht darum, zu bewerten, wie viel Partizipation genau richtig ist. Das hängt von den Umständen der zu treffenden Maßnahmen oder Entscheidungen ab. Ganz wichtig ist allerdings, dass alle Beteiligten dasselbe unter Partizipation verstehen und dass sich die Erwartungen der TeilnehmerInnen mit den Angeboten decken. Wenn MitarbeiterInnen davon ausgehen, dass sie mitbestimmen dürfen, dann aber lediglich um ihre Einschätzung gebeten werden, ist böses Blut garantiert.

Natürlich hat es viele Vorteile, wenn ich Betroffene, ob in der Gemeinde, im Unternehmen oder in der Schule bei Entscheidungen mit ins Boot hole. Das führt, wenn es richtig gemacht wird, zu einer höheren Identifikation mit Lösungen und damit zu besseren, verbindlicheren und nachhaltigeren Beschlüssen. Umgekehrt können partizipative Prozesse langwierig sein, falsche Erwartungen wecken und, wenn sie scheitern oder zu hochschwellig angesetzt sind, zu Frustration führen.

Welche Methoden für einen partizipativen Prozess am besten passen, hängt von verschiedenen Faktoren wie der Gruppengröße, der Zeit- und Raumressourcen und natürlich vom Ziel ab. Dazu werden Sie vielleicht in dem einen oder anderen Blog-Beitrag fündig, ganz sicher aber in unseren Seminaren.

Lesetipp: Gaby Straßburger/Judith Rieger (Hg.): Partizipation kompakt – Für Studium, Lehre und Praxis sozialer Berufe, Weinheim und Basel: Beltz Juventa 2014.